Tilo Jung: Opfer seiner Eitelkeit?

Eine Frage treibt Nation des Bildungsbürgertums um: Ist Tilo Jung, einstmals enfant terrible, sympathischer Querulant und linker Flügelmann in der ekelhaften Berliner-BPK-Klüngelei, nun doch zum Opfer seiner eigenen Eitelkeit geworden? Hat er seine journalistische Objektivität, seinen neutralen Blickwinkel, seine immer unterhaltsame aber nie unnötig provokante Scharfzüngigkeit nun doch auf dem Altar des linken Populismus geopfert?

Tilo Jung

Um es mal kurz zu machen, den Spannungsbogen nicht unnötig zu überreizen und natürlich den Leser bis zu ersten Link bei der Stange zu halten: Ja, er hat! Und dabei war die Nummer mit dem frechen Youngster eigentlich ganz vielversprechend: Ordentlich recherchierte Fakten, eine innervierende Art der Fragestellung – immer latent suggestiv, aber eben dadurch mit dem sonst schmerzlich vermissten Drang zum Entertainment aufgeladen und stets darauf aus, die da Oben mit runtergelassenen Hosen zu erwischen. Sie dessen zu überführen, was man ohnehin vermutet: Einer widerlichen Doppelmoral, einer frappierenden Kaltschnäuzigkeit, die jedem Humanismus diametral entgegen läuft und einer geradezu putzigen Tapsigkeit.

Im Auftrag der Demokratie

Jung & Naiv machte aus der stocksteifen, KOTZLANGWEILIGEN und (außerhalb des polit-journalistischen Berlins) kaum beachteten BundesHALTDIEFRESSEkonferenz eine Veranstaltung, die – jedenfalls auszugsweise – in den Sozialen Medien Platz hatte. Das Bemühen und der Ehrgeiz, gestandene Kommunikations- und PR-Profis wie stammelnde Erstsemester aussehen zu lassen, ihnen die eigene Unzulänglichkeit und ihren mit Blutgeld bezahlten Dienst für ein menschenfeindliches System vor Augen zu führen und sie ehrlichen Scham dafür empfinden zu lassen – das waren einst die Stärken von Tilo Jung.

Und nun? Nun ist auch bei Herrn Jung, der wohl doch nicht so naiv, sondern eher kühl kalkulliert, Populismus Trumpf. Und zwar der Linke. Aber ist linker Populismus denn weniger schlimm als rechter, nur weil er links ist? Ist es legitimer, Sarah Wagenknecht oder Gregor Gysi ein Forum zu geben, als Angela Merkel, Peter Altmaier oder Käpt’n Jack Sparrow?

Wer die Musik bezahlt …

Wer hier nicht nur spontan mit ja antworten will, sondern es tatsächlich aus tiefster Überzeugung tut, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Demokratie genauso wenig verstanden zu haben, wie der neue US-Kasper. Denn wenn eine Gesellschaft den Medien die Macht zuerkennt, als vierte Macht zu agieren, und zugleich von den drei anderen Mächten erwartet, neutral und objektiv zu arbeiten und sich an gewissen, allmeinen Standards zu orientieren, dann muss es die Pflicht der Medien und buchstäblich jedes einzelnen Medientreibenden sein, für Ausgeglichenheit zu sorgen.

Denn sonst funktioniert die demokratische Meinungsbildung ganz einfach nicht. Sonst nimmt Herr Jung seinem Publikum die Chance, ein Spektrum an Meinungen und Ansätzen zu erleben und fungiert stattdessen als Propagandist.

Narziss Jung?

Würde Tilo Jung diese neue Tendenz in seiner Arbeit, immer nur der Seite ein Forum zu geben, die zufällig seine und die Ansichten seiner Fans teilt und in politische Realität transformieren möchte, als solche kennzeichnen und deutlich machen, dass er dem Journalismus den Rücken gekehrt hat und stattdessen linke PR betreibt, wäre das alles weniger abschreckend. Aber genau das tut er nicht. Stattdessen droht er in seinem Spiegelbild zu ertrinken und verlernt zusehends und unter lauter werdendem Jubel, auch für seine Meinungsträger und politischen Projektionsflächen das zu sein, was politischer Journalismus vor allem anderen und unbedingt sein sollte: Unbequem.

Danke für gar nichts, Tilo Jung.

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